Ferien für Poeten
In der Berliner Schreibwerkstatt lernen Jugendliche, Kurzgeschichten und Gedichte zu verfassen. Die etwas andere Freizeit.
Maike sitzt auf einer Bank am See. Ihr Blick schweift umher. Zwischendurch starrt sie immer wieder auf das Zettelchen in ihrer Hand. Plötzlich hält sie inne -«Das ist es!» Sie greift zu Stift und Block und legt los.
«Schreiben nach Kassenbon» heißt diese Übung des Workshops «Kreatives Schreiben». Jeder Teilnehmer musste am Morgen aus einem Haufen Quittungen jeweils eine herausfischen. Innerhalb von zwei Stunden soll nun ein Text dazu verfasst werden. «Nicht ganz einfach», findet Maike. «Schließlich muss man aus ganz wenigen Infos eine Story erfinden.» Alles, was sie weiß, ist, dass jemand an einem Montagabend für 5,70 Euro eine Flasche Prosecco gekauft hat. «Vielleicht war es eine Frau, die sich aus Liebeskummer betrinken wollte?», sagt Maike. Gute Idee für eine Kurzgeschichte!
Jeweils in den Herbstferien können rund vierzig Jugendliche für vier Tage in einer schönen Villa am Wannsee in Berlin gemeinsam das tun, was ihnen am meisten Spaß macht: schreiben. Fast alle haben Deutsch Leistungskurs, schreiben Tagebuch oder arbeiten für die Schülerzeitung. Und die Mädchen sind grundsätzlich in der Überzahl. Seit 1999 organisiert der Verein «Kreatives Schreiben» die Seminare für Jugendliche. «Wir wollen sie zum Schreiben anstiften», erzählt der Vorsitzende und Kursleiter Michael Werner, 35. Gerade junge Leute bekommen hier die Möglichkeit, erste Erfahrungen mit dem literarischen Schreiben zu machen und die Angst vor dem leeren Blatt zu verlieren. «Jeder ist willkommen. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.» Die Gruppen leiten Journalisten, Musiker, Lyriker und sogar preisgekrönte Erzähler wie die Autorin Katja Lange-Müller.
Maike ist von der Atmosphäre begeistert: «Uns zwingt niemand zum Lernen. Es gibt ja auch keine Zensuren, dadurch ist die Stimmung viel entspannter.» Den Kurs verdankt sie ihrem Vater. Der stieß im Internet auf den «Workshop Schreiben» und buchte ihn als Überraschung für seine Tochter.
«Schreiben hilft mir, gute Gedanken nicht zu vergessen und traurige Erlebnisse zu verarbeiten», sagt die 17-Jährige. Nachvollziehen kann das beim Workshop jeder: Mädchen und Jungs, die finden, dass es erleichtert, «wenn man Gefühle aufschreibt und sie hinterher mit Abstand betrachtet». In diesen Tagen geht's aber vor allem um das Handwerk: mit Wörtern kleine Kunstwerke bauen, z. B. Gedichte, Drehbücher und Liedtexte verfassen, Lyrik alter Meister umschreiben oder sich von Bildern auf Briefmarken zu einer Geschichte inspirieren lassen. Gearbeitet wird unter der alten Buche im Garten, in den Computerräumen, auf der Terrasse, im Bett oder eben auf einer Bank am See. Dann kommt die Stunde des Vortragens: Die einzelnen Arbeitsgruppen versammeln sich und tragen ihre Texte vor. «Klar bin ich aufgeregt», erzählt Maike. «Aber hier wird zum Glück niemand zerpflückt oder ausgelacht.» Gemeinsam wird darüber diskutiert, was an den Werken noch verbessert werden kann, wie die Beschreibung einer Person oder die Dramaturgie eines Dialogs. Maike: «Ich weiß jetzt, dass es besser ist, nicht einfach draufloszuschreiben, sondern sich vorher einen Plan zu machen.» Zum Abschluss entscheidet die Gruppe, welcher Text abends im Plenum vorgelesen wird.
Heute hat Sarah (18) ihren großen Auftritt. Zusammen mit sechs anderen, die sich für Gedichte interessieren, belegte sie am Vormittag einen Workshop zum Thema «Milch». Die ganze Schreiberriege sitzt im Kreis. Man merkt Sarah ihre Anspannung an: Sie starrt aufs Parkett, das Blatt in ihrer Hand zittert. Ein letzter Blick in die Runde, sie holt noch einmal tief Luft und beginnt zu lesen. Zwei Minuten später – tosender Beifall. Der Text hat den anderen gefallen, Sarah ist erleichtert und strahlt.
Viele haben anfangs Hemmungen, öffentlich vorzulesen. Klar, jeder identifiziert sich mit seinem Werk. Und deshalb ist es manchmal schwierig, Kritik nicht persönlich zu nehmen. Doch alle Teilnehmer wissen, dass die Anregungen sie weiterbringen. «Wenn jemand sagt, dass ein anderes Wort die Sache besser trifft oder wie man den Schluss des Textes schöner machen kann, dann sind das doch brauchbare Vorschläge», sagt Sarah, die beim nächsten Workshop wieder dabei sein möchte.
Ganz Eifrige können ihre Texte am späten Abend noch im «Textsalon» vorstellen. Und sogar danach in der Kellerbar geht es bei Cola und Selters nur um ein Thema: die Kunst des Schreibens. Die Mädels reden darüber, wie es wohl wäre, bei einem Wettbewerb mitzumachen oder gar einen Bestseller zu landen.
Davon träumen viele im Schreibworkshop. Wie die 19-jährige Christiane, die schon mal ein Buch angefangen, aber nie beendet hat, weil sie es «einfach blöd» fand: «Ich würde gern einen Roman schreiben, der so spannend ist, dass man ihn nicht mehr weglegen kann, einen richtigen Wälzer.» Der bekäme dann ein eigenes Regal, würde in Massen verkauft – und der Titel stünde auf ganz vielen Kassenbons.
Martina Hinz
Brigitte YoungMiss 5/2002, 17. April 2002